Wenn Stolpersteine sprechen lernen


Kulturverein gedenkt mit illustrierter Dokumentation Opfern des NS-Terrors

 

 

Breite öffentliche Anteilnahme bewies, dass sich Guntersblum nachhaltig der einstigen Gemeindemitglieder jüdischen Glaubens erinnert. Die kleinen, schlichten kubischen Betonsteine, mit einer individuell beschrifteten Messingplatte versehen, mahnen nun vor früheren Heimen und Geschäften der von Nazi-Terror Betroffenen als „Stolpersteine“. Damit verwirklicht die Kommune, wo zur „Machtergreifung“ Hitlers noch mindestens 50 Juden lebten, die Idee des Künstlers Gunter Demnig.

NS-Opfer, die das Terrorregime in Konzentrationslagern zu Nummern degradierte, erhalten Namen zurück. Im Ort, vor Ort funktioniert Verdrängung nicht länger. Sich häufig verdrängter Historie zu stellen, setzt Licht auf schmerzende Wunden. Eine reich illustrierte Dokumentation des Kulturvereins geht noch mutiger vor. Denn dort erhalten Vertriebene und Ermordete nicht nur den Namen, sondern dank Fotos ihr Gesicht und mittels Kurzbiographien ihren Lebenslauf zurück.

Basierend auf Recherchen, die Pfarrer Dieter Michaelis bereits 1998 publizierte, nahmen sich Melitta Bender, Fred Trumpler, Walter Reineck und eben der geschichtsbewusste Theologe Michaelis dessen an, was die minimale Botschaft der Stolpersteine nicht verrät.

Die „Denkmale“ im Wortsinn erhalten menschliche Tiefe. Wo vorhanden, zeigen zeitgenössische Aufnahmen, wie über den Ortskern verteilt Häuser aussahen, in denen stigmatisierte Nachbarn arbeiteten, lebten und liebten. – Den Bauten zugeordnet, sind Portraits von ehemaligen Mitbürgern, die zu Opfern der Gewaltherrschaft wurden.

Völlig auf pathetische Worte verzichtend, erfährt der Leser beispielsweise aus der Hauptstraße 48, dass die Kaufmannstochter Georgiene Wolf gemeinsam mit Ehemann Isidor, der vor Ort als Händler und Weinkommissionär wirkte, Ende Oktober mit 1078 anderen ins Ghetto Lodz deportiert wurde. Dem Mord dort entging der gemeinsame Sohn Heinz nur, weil er in die USA floh, als seine Eltern im Juni 1939 nach Frankfurt umgesiedelt wurden. Dass Heinz nach Kriegsende nach Deutschland zurückkehrte und häufig seine Heimatgemeinde besuchte zeigt, dass Bewusstsein Hass ausschließt.

Wer weiter stöbert in der Broschüre entdeckt in einer Annonce vom Juni 1938, dass die „werte Kundschaft“ des Textilwarengeschäftes Zuleg statt in die Mittelgasse nun zur Hauptstraße kommen sollte. Die Wolfs hatten unter dem Druck der politischen Umstände verkauft.

Das Einzelschicksal, kommentarlos wahrgenommen, öffnet wirklich Augen. Deshalb verzichten Herausgeber und Autoren auch auf beredte Analysen oder gar Gemeinplätze zur national-sozialistischen Ideologie und Praxis. – Sie beschränken sich auf konkrete Heime und auf Leute, die hier zu Hause waren. David Monat, der gemeinsam mit seiner Frau Johanna Textilien in der Mittelgasse veräußerte, ansonsten als kleiner Landwirt „rackerte“, verschleppten „erst“ 1942 lokale NS-Leute ins Sammellager Darmstadt. Von dort ins Ghetto Theresienstadt „verfrachtet“, wurde er kurz nach Weihnacht ermordet.

Selten vermag nüchterne Bestandsaufnahme so ergreifen. Ungläubig schüttelt der Leser den Kopf, sieht er das fröhlich lächelnde Antlitz einer Hedwig Herz, die zwar mit Ehemann Ludwig ins benachbarte Frankreich flüchtete, aber dennoch Silvester 1942 in Auschwitz ihren Häschern begegnete. – Tochter Henriette entging dem Todeszug, lebt heute als Vera Reichmann in den USA. Im Kindergartenalter musste sie auf Eltern verzichten.

Da fällt der Blick auf sehr aktive Mitglieder der Feuerwehr oder mit Orden dekorierte Helden des Ersten Weltkriegs – sie entgingen dem Rassenwahn nicht. Lotte, Marga und Susanne Vogel strahlen mit christlichen Mädchen, die gefüllte Schultüte im Arm, ins Kameraauge des jüdischen Lichtbildners Emil Rüb. Vom kommenden „Ernst des Lebens“ keine Spur ...

Gerade diese beiläufig eingestreuten Blicke ins Normale, ins Private auch, rühren. Weil solche „Nächsten“ auf immer verschwanden, vor aller Augen. Sinnlich, unvermeidbar direkt, erscheinen uns Überlebenden plötzlich ansonst abstrakte Zahlen. Jene Statistik, die etwa 6 Millionen ermordete Juden zählt, rückt hautnah.

Deshalb stellen die „Guntersblumer Blätter 01/2011“ auch im Vorspann fest: „Das Grauen begann nicht erst in Auschwitz, Treblinka und in anderen Lagern – es begann in unserer Gemeinde, in unserem Alltag, in unserer Straße, vor unserer Tür!“ - Das „Vergessen“ regt sich. – Wer nämlich gleichgeschaltete Presse 1938 liest, zweifelt an humanitärer Hoffnung: „Sie suchten das „gelobte Land“. Eine Anzahl der Vertreter des „auserwählten Volkes“ hat unsere Gemeinde bereits verlassen. Zur Zeit laufen Verhandlungen die Fa. Erlanger in arische Hände zu übergeben. Auch die anderen Juden tragen sich mit Auswanderungsgedanken. Es wird kein Arier ihnen eine Träne nachweinen.“ Auch solche Zitate des Unmenschen finden sich in der Broschüre - auch sie bleiben ohne Kommentar.

Zusätzlich tauchen Schicksale von in Guntersblum geborenen jüdischen Mitbürgern auf, die bereits vor 1933 „freiwillig“ ihre Heimat verließen. Erschütternde Erinnerungen beschreiben gefeierte Gewalt bei den Novemberpogromen. Mit geraubten Kultgegenständen der Synagoge „verkleidet“, marschierten zusammengetriebene Juden durch alle Ortsgassen. Jubelnd sahen Christen zu, als „die anderen“ ihre heiligen Objekte öffentlich verbrennen mussten.

Wer es mit dem Allgemeinplatz, „dass sich solches nie wiederhole“ ernst meint, muss diese Broschüre achten. Diese Broschüre verdeutlicht, wie verankert ein verbrecherisches Regime im Lokalen war, ohne mit ausgestrecktem Finger auf Täter und Mitläufer zu deuten und sie emanzipiert die Opfer. Die Lektüre zu lesen ist ein Muss. Nicht nur für Ortsansässige. Methodisch bescheiden reift diese Dokumentation zum Vorbild, auch für Kommunen, wo zwar „Stolpersteine“ mahnen, aber die Menschen „darunter“ anonym bleiben.

Im Geschenkladen Christine Scholz (Hauptstraße) und zu den Öffnungszeiten im Museum (Kellerweg) ist das Werk für erschwingliche acht Euro zu erwerben.

 

 

   
© Stolpersteingruppe Guntersblum