Vortrag zum Jahrestag der Pogromnacht

9. November 2016

Wie antisemitisch ist das Christentum? Wenn 2017 das große Luther-Jahr gefeiert wird, geht es auch um die dunkle Seite der Reformation: Luthers Judenhass. Für ihn waren Juden Teufel, wenn sie sich nicht taufen ließen. Ihre Synagogen und Schulen solle man anzünden. Der Urvater der Evangelischen Kirche also ein Antisemit? Wie geht das zusammen mit dem Begriff des „jüdisch-christlichen Abendlandes“, der in der aktuellen politischen Situation immer wieder genannt wird?

Pfarrer i.R. Dieter Michaelis geht aus theologischer Sicht dem Antisemitismus in der Kirchengeschichte auf den Grund. Kern seines Vortrags ist die Besinnung auf die eigentliche Frage: Lässt sich der christliche Antisemitismus aus der Botschaft Jesu begründen? 

Ein Team von Wissenschaftlern hat in den 1980er Jahren durch intensive Untersuchungen des Neuen Testaments die ursprüngliche Botschaft Jesu in überzeugender Weise rekonstruiert. Demnach übte der Jude Jesus liebevolle Kritik an Fehlern des Judentums seiner Zeit; der Antisemitismus seiner Anhänger lässt sich damit jedoch nicht rechtfertigen. Und umgekehrt: Alles, was am Christentum für Juden anstößig ist, lässt sich nicht durch die Botschaft Jesu legitimieren - er selbst hat sich etwa nie "Gottes Sohn", sondern "Menschensohn" genannt.

 
 

 
   
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